| Interview |
25.10.2005, 10:43 |
| „Asset-Klasse Immobilienaktie noch völlig unterentwickelt“ - - Martin Praum, Sal. Oppenheim
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Smart Investor im Gespräch mit Martin Praum, Immobilienaktienanalyst bei Sal. Oppenheim, über die Aufholjagd deutscher Immobilienaktien, die internationale Standortbestimmung und natürlich die weiteren Perspektiven
Smart Investor: Herr Praum, seit Erscheinen unserer letzten Immobilien-Sonderbeilage vor
einem Jahr hat sich bei den börsennotierten deutschen Immobiliengesellschaften
einiges getan. Was ist hier der Hintergrund?
Praum: Die Gründe dafür sind vielfältig. Wir sahen und sehen ganz klar
verstärktes ausländisches Investoreninteresse. Auf dem gesamten europäischen
Immobilienmarkt waren in diesem Zeitraum Stabilisierungs-, Erholungs- bis hin
zu vereinzelten Überhitzungstendenzen zu beobachten. Auf der Suche nach noch
unterbewerteten Märkten rückte dann schließlich Deutschland in den Fokus. Es
sind die Aussichten auf eine langsame aber stetige wirtschaftliche Erholung,
getrieben auch durch politische und gesetzgeberische Reformen, die – damals
noch vorherrschenden – Abschläge auf die Nettosubstanzwerte (NAV) und nicht
zuletzt die REIT-Phantasie, die hier ausschlaggebend waren. Nicht zu vergessen,
haben viele deutsche Immobiliengesellschaften durch profitable operative
Tätigkeit und eine weitere Erhöhung der Kapitalmarktaktivität und auch der
Transparenz Werbung in eigener Sache betrieben. Für einen Investor, womöglich
sogar aus dem Ausland, ist kaum etwas anlagefeindlicher als Inaktivität sowie
eine nicht gegebene Transparenz.
Smart Investor: Sind denn die deutschen Immobilienaktien nach dem
Kursanstieg international immer noch günstig bewertet oder ist das Potential
mittlerweile ausgereizt?
Praum: Insgesamt ist das Potential meiner Meinung noch nicht ganz
ausgeschöpft. Aber man muß inzwischen stärker selektieren, welche
Immobilienstory bzw. welchen Sektor man kaufen möchte. Das interessante am
deutschen Immobilienaktienmarkt ist ja auch, daß die drei zur Zeit führenden
notierten Firmen jeweils einen Subsektor repräsentieren: IVG mit starkem Fokus
auf Büroimmobilien, Deutsche Euroshop auf Shopping-Center und Deutsche Wohnen
auf Wohnimmobilien. Vivacon als viertgrößter Wert repräsentiert immer mehr ein
neues Geschäftsmodel im deutschen Wohnimmobilienmarkt, als Asset Management
Serviceanbieter für institutionelle Kunden und auch als opportunistischer
Immobilien-Portfoliotrader.
Smart Investor: Nun sind die Net Asset Values aber vielerorts auch schon
erreicht...
Praum: Das ist richtig, jedoch handeln europäische Immobilienaktien zur
Zeit sogar mit Prämien auf den NAV. Für die Vergleichsgruppe der deutschen
Aktien sehen wir Prämien von 10% im Bürosektor, von 14% im Wohnimmobiliensektor
und 38% im Shopping-Center Sektor. Sicher sind hierbei europäische Unterschiede
im Wirtschaftswachstum, verfügbarem Einkommen und Konsumentenverhalten zu beachten. Aber selbst in einem sich nur
stabilisierenden Markt erwarten wir eine weitere Steigerung des NAV bei den
deutschen Immobilienaktien auch durch neue profitable Geschäftsfelder und
operatives Wachstum. Dies repräsentiert auch den „added value“ den der Vorstand
einer Aktiengesellschaft Investoren durch aktives Management bieten sollte.
Eine weitere Erholung der Immobilienmärkte kommt hier noch als „add-on“ hinzu.
Nicht zu vergessen, daß einige Firmen auch im europäischen Ausland aktiv sind
und dort von stärkeren Wachstumstendenzen profitieren werden. Diese Erwartung
rechtfertigt in unseren Augen auch selektiv Prämien auf den NAV und somit
weiter steigende Kurse für ausgewählte Immobilienaktien.
Smart Investor: Wie steht es mit der leidigen Diskussion um REITs. Immerhin
läßt die Einführung hierzulande weiterhin auf sich warten.
Praum: Ein gewisser Prozentsatz der REIT-Phantasie ist natürlich schon
eingepreist. Interessanterweise gab es in den letzten Monaten wenig neue Nachrichten
hierzu in der Branche, dennoch hielten sich die Kurse stabil oder stiegen
weiter, weil Anleger primär auf die positive operative Entwicklung schauten.
Nicht zu vergessen, daß bereits heute mit Deutsche Euroshop und Deutsche Wohnen
zwei Unternehmen als steuertransparente Konstrukte am Markt notieren,
ersichtlich in der steuerfreien Dividenden-Ausschüttung. Auch andere Firmen
nutzen heute schon das deutsche Steuersystem, zum Beispiel durch steuerliche
Verlustvorträge, um Nettogewinne zu optimieren. Eine REIT-Struktur würde hier
jedoch deutlich höhere Transparenz bieten. Sollte sich bei der REIT-Diskussion
endlich eine Einigung erzielen lassen, würden wir unserer Meinung nach nochmals
einen Trendschub im Markt erleben. Wir erwarten hier schon kurzfristig eine
erhöhte Aktivität der Interessensgruppen, um schon bei der neuen
Regierungsbildung Einfluß auf die Ausgestaltung und Einführungsmodalitäten zu
nehmen.
Smart Investor: Angenommen, REITs werden Ende 2006 oder Anfang 2007 endlich
in Deutschland eingeführt. Was würde sich überhaupt ändern?
Praum: Ich halte durch die politischen Änderungen inzwischen das Jahr
2007 für realistisch. Deutschland ist in unseren Augen schon relativ weit in
der REIT-Einführung fortgeschritten, nun muß über letzte Feinheiten nachgedacht
werden, wie die aktuelle Diskussion über das Einheits- oder Trennungsmodell
zeigt, in der versucht wird, potentielle Steuerschlupflöcher zu vermeiden. Die
Verzögerungen in der Einführung sind aber sicherlich auch eine
Mentalitätsfrage, neben der bekannten Komplexität des deutschen Steuersystems.
In Frankreich, wo man eine andere Mentalität hat, wurde die Argumentation
umgekehrt nach dem Motto: Wir machen das jetzt mal so und schauen dann, was
passiert. Hierzulande sucht man gleich die perfekte Endfassung.
Für einige, bereits börsennotierte deutschen Immobiliengesellschaften würde
sich mit dem jetzigen REIT-Entwurf zum Beispiel in der Dividendenpolitik nicht
dramatisch viel ändern (siehe oben erwähnte steuertransparente Beispiele),
wobei sich diese Sicht nach Klärung von Detailfragen natürlich noch ändern
kann. IVG als größte gelistete Immobilienfirma wird als offensichtlicher
REIT-Gewinner gehandelt, wobei zu beachten ist, daß nur ca. 40% des Portfolios
in Deutschland liegen und somit auch ausländische REIT-Gesetze einen Einfluß
auf die künftige Struktur und Ausschüttungspolitik haben werden.
Ein großes Interesse haben sicherlich nicht gelistete deutsche
Immobilienfirmen, die in der REIT Einführung eine Chance auf eine generelle
Marktbelebung der Asset-Klasse „Immobilienaktie“ sehen, was in unseren Augen
mittelfristig zu einer deutlich erhöhten Neuemissionsaktivität führen sollte.
Diverse Marktteilnehmer, von Industrieunternehmen über öffentliche Stellen bis
zu ausländischen Opportunity Fonds, sehen einer REIT Einführung positiv
entgegen. Der deutsche Immobilienaktienmarkt litt jahrelang nicht nur unter
einer unterschiedlichen Besteuerung im Vergleich zu offenen Immobilienfonds,
sondern auch unter limitierter Daten-Transparenz. Trotz der verzeichneten
Erfolge der letzten Quartale, führen diese im Vergleich zu anderen europäischen
Märkten weiterhin ein Nischendasein. Wir erwarten, daß eine attraktive
REIT-Struktur den Investorenfokus verstärkt auf deutsche Immobilienaktien
lenken wird. Auch erwarten wir eine steigende Professionalität sowie
Transparenz, was weiteres Auslandskapital anlocken dürfte. Von daher bezeichnen
wir nicht nur den deutschen Immobilienaktienmarkt sondern auch den
Immobilienmarkt insgesamt als „unterentwickelt“. Dies sollte sich durch erhöhte
Transparenz, standard-setting und harmonisierte Datenverfügbarkeit (wie heute
schon im Ausland üblich) verbessern.
Es ist schon bezeichnend, daß trotz der Wichtigkeit der Asset-Klasse
„Immobilie“ in Deutschland, zur Zeit noch keine Immobilienfirma im DAX-Index
vertreten ist und die gesamte Freefloat-Markkapitalisierung aller
börsennotierten deutschen Immobiliengesellschaften bei gerade einmal nur 3 Mrd.
Euro liegt (was sich mit einem Immobilien-Transaktionsvolumen ausländischer
Opportunity Fonds in 2004 von 15 Mrd. Euro und dem Bestand offener
Immobilienfonds von 88 Mrd. Euro vergleicht).
Dies bestätigt uns in unserer Meinung, daß der deutsche
Immobilienaktienmarkt noch völlig unterentwickelt ist – was jedoch auf der
anderen Seite zukünftig vielfältige Chancen für Investoren eröffnet!
Smart Investor: Herr Praum, herzlichen Dank für das aufschlußreiche
Gespräch.
Interview: Falko Bozicevic
Dieses Interview erschien in einer
gekürzten Fassung in der Sonderbeilage „Immobilienaktien 2005“ im Smart
Investor Magazin 11/2005.
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